"3096 Tage" - Der Kampusch Film

Wenn das Opfer zum Objekt wird

"3096 Tage" - Der Kampusch Film: Wenn das Opfer zum Objekt wird "3096 Tage" - Der Kampusch Film: Wenn das Opfer zum Objekt wird Foto: Constantin Film Verleih/Jürgen Olczyk
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109 Minuten über das jahrelange Martyrium der Natascha Kampusch. Der Film zeigt, was passiert ist. Vieles ist nur schwer zu ertragen. In "3096 Tage" passiert das Schlimmstmögliche: Das Opfer wird zum Objekt.

Achteinhalb Jahre in Gefangenschaft: "3096 Tage" zeigt die Entführung der Natascha Kampusch Achteinhalb Jahre in Gefangenschaft "3096 Tage" zeigt die Entführung der Natascha Kampusch Zum Artikel » Man kann darüber streiten, ob es sein muss, diese Biografie zu verfilmen, aber eines sollte nun klar sein: So darf man es nicht machen. Sherry Hormann bringt morgen "3096 Tage" ins Kino, die Leinwand-Adaption von Natascha Kampuschs Erinnerungsbuch mit demselben Titel. Das Drehbuch über die 1998 entführte und acht Jahre versteckt gehaltene Österreicherin ist das letzte Projekt, an dem der 2011 gestorbene Bernd Eichinger gearbeitet hat, aber das darf man getrost vergessen, weil es im Kino rasch egal ist, wer da welche Idee eingebracht hat: Das Ergebnis zählt, und das ist verheerend.

Schon die Entführung des Kampuschs wird mit einer Distanziertheit inszeniert, die diese Tat geradezu verniedlicht. Es gibt dann zwei starke Einstellungen: Das Kind im Keller presst seinen Schulranzen an sich; schließlich fleht es seinen Entführer per Gegensprechanlage um Essen an und redet dabei in die Kamera, also zu uns im Zuschauerraum. Aber der Rest bleibt vage, meinungslos und ohne Haltung oder ist reiner Voyeurismus: Warum lässt man Antonia Campbell-Hughes, die Darstellerin der erwachsenen Kampusch, über so lange Strecken oben ohne durchs Bild laufen? Selbst wenn es so gewesen sein sollte, dass sich die Frau ausziehen musste: Warum dokumentiert man das? Was bringt es an Erkenntnissen? Warum macht man so leichtfertig aus dem Opfer ein Objekt?

Ebenso schwer wiegt das Versäumnis, kaum je die grenzenlose Verzweiflung zu vermitteln, die die Zehnjährige empfunden haben muss. Die Enge des zwei mal drei Meter kleinen Verlieses wird nicht spürbar, die gedehnte Zeit ebenfalls nicht, statt dessen ist da der unbedingte Wille der Filmemacher, Unvorstellbares überschaubar zu machen. Das hier ist ein Spießerdrama, der Entführer Priklopil wird als Produkt einer autoritären Mutter zum kleinbürgerlichen Straftäter – aus existenziellem Leid entsteht ein jämmerlicher Beziehungsfilm.

Die Filmemacher beklagen, dass die deutsche Schauspiel-Elite abgesagt habe und man sich in England und Dänemark nach Darstellern umschauen musste. Wer den Film sieht, wird indes verstehen, dass da niemand von Rang mitmachen mochte. Vollends entlarvend ist das zwischen pseudo-einfühlsames Geschwurbel verpackte Versprechen der Regisseurin Sherry Hormann im Presseheft, in Sachen Sexualität enthalte der Film "Dynamit".

Was denken die Produzenten eines solchen Films über ihr Publikum? Am Ende dürfte sich zeigen, dass sie es unterschätzt haben.

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Quelle: RP