3D-Film ist für elf Oscars nominiert

Martin Scorseses "Hugo Cabret"

3D-Film ist für elf Oscars nominiert: Martin Scorseses "Hugo Cabret" 3D-Film ist für elf Oscars nominiert: Martin Scorseses "Hugo Cabret" Foto: Paramount Pictures
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Mit seinem märchenhaften Film über einen Waisenjungen, der in einem Pariser Bahnhof haust, blickt Martin Scorsese in die Filmgeschichte und erweckt den Pionier Georges Méliès zum Leben. "Hugo Cabret" wirkt überambitioniert, doch die Rechnung geht auf: Er ist für elf Oscars nominiert.

Hugo ist ein tapferer kleiner Bengel. Ganz allein lebt er hinter den Fassaden eines Pariser Großbahnhofs der 1930er Jahre und krabbelt geschickt durch die Lüftungsschächte und Versorgungsgänge von einer Wanduhr zur nächsten, um die Räderwerke am Laufen zu halten. Er hat die Aufgabe von seinem verstorbenen Säuferonkel geerbt. Und damit niemand merkt, dass das Kind inzwischen allein hinter den Kulissen der Geschäftigkeit haust, ölt und schraubt der Junge an den Uhren, damit sie weiter im Takt ticken und niemand ihn ins Waisenhaus befördert. Hugo muss doch unbedingt die geheimnisvolle Aufziehpuppe reparieren, die sein Vater ihm hinterlassen hat. Die kühle schöne Metallfigur ist abends die einzige Gesellschaft des Kinds, und weil sie, einmal in Gang gesetzt, ein Schreibautomat sein könnte, der vielleicht eine Nachricht aufs Papier kritzelte, tüftelt der Kleine an der Mechanik im Leib des Spielzeugs, um an die Botschaft seines Vaters zu gelangen.

Wie Oliver Twist

Nominiert für für elf Oscars: Bilder aus "Hugo Cabret" von Martin Scorsese Nominiert für für elf Oscars: Bilder aus "Hugo Cabret" von Martin Scorsese Nominiert für für elf Oscars: Bilder aus "Hugo Cabret" von Martin Scorsese Nominiert für für elf Oscars Bilder aus "Hugo Cabret" von Martin Scorsese 16 Fotos Einen Jungen, schlau, edel und erbarmenswert wie Oliver Twist, macht Martin Scorsese zum Helden seines ersten 3D-Films "Hugo Cabret". Doch erzählt er nicht nur die Geschichte eines Waisenjungen, der ein Rätsel aus seiner Vergangenheit lösen muss und sich nach einer Familie sehnt. Zugleich ist der Film eine groß angelegte Hommage an das Kino, vor allem an dessen Stummfilmwurzeln.

Scorsese webt seine Geschichte um den französischen Pionier Georges Méliès, der 1861 in Paris geboren wurde, sich vom Theaterbesitzer zu einem der ersten Filmregisseure entwickelte und mehr als 500 Filme schuf. Darunter "Die Reise zum Mond". Dieses fantasievolle Werk erweckt Scorsese zu neuem Leben, in Farbe und in 3D. So schlägt er einen weiten Bogen von den Ursprüngen des Films bis in die Gegenwart und erklärt die dreidimensionale Filmarbeit damit zur gesetzten Technik der Zukunft.

Gelungenes 3D-Kino

So wie Scorsese sie einsetzt, lässt man sich das gefallen. Er zeigt keinen Actionfirlefanz, obwohl "Hugo Cabret" durchaus auch ein Abenteuerfilm ist. Dafür schickt er die schwere 3D-Kamera auf wunderbar beflügelte Luftfahrten durch den munteren Bahnhof. Das wirkt alles ganz leicht und unbeschwert und pariserisch. Man kann mit Scorsese schwelgend hinabblicken auf die Erde, mal an diesem Blumenstand einen Flirt belauschen, mal vor jenem Café die dicke Dame beobachten, die ihr Schoßhündchen tätschelt und auf ein amouröses Abenteuer hofft.

Allerdings ist das alles arg nostalgisch in Szene gesetzt. Scorsese erzählt eine märchenhafte Geschichte, aber er führt uns keine Realität vor, in der es zugeht wie im Märchenbuch, er filmt gleich das Märchenbuch. Alles ist eine Spur zu bunt, zu heiter, zu detailreich ausgestattet. Man kann das liebevoll nennen oder auch kitschig, der Regiemeister inszeniert jedenfalls ein quirliges Paris wie von der Postkarte.

Hommage an das Kino

Das man dessen nicht allzu schnell überdrüssig wird, hat Scorsese den Schauspielern zu verdanken. Der 13-jährige Asa Butterfield spielt den elternlosen Hugo mit genau der richtigen Dosis Sentimentalität. Er ist ein Musterknabe, auch ein wenig Lausbub, man schaut ihm gerne zu. Nach längerer Zeit scheint sich auch Ben Kingsley mal wieder in einer Rolle richtig wohlzufühlen. Überzeugend spielt er einen knurrigen, zähen Spielzeugverkäufer im Bahnhof, der seine Biestigkeit im Laufe des Films abstreift. Sie war nur ein Schutz gegen weitere Kränkung. Heimliche Hauptfigur ist aber "Borat"-Darsteller Sacha Baron Cohen. Er spielt einen hinkenden Stationsvorsteher, der im bösen Duo mit seinem Dobermann im Bahnhof Waisenkinder jagt. Wie er mit den Augen rollt, Hugo am Schlafittchen fasst oder ihn über Tisch und Stuhl und Sahnetorte verfolgt, das ist Slapstick alter Schule. Man spürt, mit welcher Freude Scorsese, der sonst doch für die harten Thriller- und Gangsterstoffe steht, einmal diese Art harmloser Action gedreht haben muss.

Scorsese ist ein Werk gelungen, das mit bezaubernder Verspieltheit ohne alle Schulmeisterlichkeit aus der Geschichte des Films erzählt. Doch es bleibt ein Gefühl der Überfrachtung, man spürt eben doch, dass sich Scorsese mit dieser Arbeit für den Oscar empfehlen wollte. Die Rechnung ist aufgegangen, in elf Kategorien ist er nominiert, unter anderem in den Königskategorien bester Film und beste Regie. Die Trophäen gingen in würdige Hände, doch etwas weniger Glitter auf diesem Glanzbildchen-Szenenreigen wäre noch geschmackvoller gewesen.

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Quelle: RP