3D-Spektakel

Spielberg entzaubert "Tim und Struppi"

3D-Spektakel : Spielberg entzaubert "Tim und Struppi" 3D-Spektakel : Spielberg entzaubert "Tim und Struppi" Foto: dapd
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US-Regisseur Steven Spielberg bringt am Donnerstag seine Verfilmung der berühmten Comics von Hergé ins Kino. Bereits vor 30 Jahren kaufte er die Rechte an den Geschichten. Zu erleben ist ein hochgerüstetes 3D-Spektakel, das die einfache Eleganz der Vorlage vermissen lässt.

Vielleicht werden Jungs überhaupt nur erwachsen, um sich als Männer die Wünsche erfüllen zu können, die in Kindertagen offen geblieben sind. Der amerikanische Regisseur Steven Spielberg ist jemand, der diesen Verdacht bestätigt: Der Großteil seiner Filme bebildert Fantasien der Jugend. Spielberg schuf in „E. T.“ und „Indiana Jones“ Welten, deren Ursprünge kindlich sind. Und er musste zunächst stark werden und reich, um die märchenhaften Geschichten von Peter Pan und dem Jurassic Park auf der Leinwand erzählen zu können.

Nun ist er 64 Jahre alt, und endlich tut er etwas, worauf er seit Jahren wartet: Steven Spielberg bringt „Tim und Struppi“ ins Kino.

Der Anfang sieht noch nach einem Geniestreich aus

Die Comics über den alterslosen Reporter und Detektiv und seinen weißen Foxterrier (im Original „Tintin & Milou“) gelten als Klassiker der Jugendliteratur. 1929 veröffentlichte der Belgier Georges Remi (1907 bis 1983), der sich Hergé nannte, die erste Episode. Seither haben sich die 24 Originalbände rund 230 Millionen Mal verkauft. Hergés Personal – Prof. Bienlein, Schultze und Schultze, Käpt’n Haddock, die Opernsängerin Bianca Castafiore – bevölkert nahezu jedes Kinderzimmer. Das Geheimnis des Erfolges ist Hergés klare Art zu zeichnen und zu erzählen. Es gibt einen Begriff dafür, „Ligne Claire“ heißt er: präzise konturierte und stark vereinfachte Figuren, die vor zumeist einfarbig koloriertem Hintergrund auftreten.

Diese Einfachheit, die Verbindung von Eleganz und Subtilität, lässt eine Verfilmung zur kaum zu bewältigenden Aufgabe werden. Spielberg weiß das, nicht ohne Grund ließ er fast 30 Jahre vom Ankauf der Rechte an „Tim und Struppi“ bis zum Kinostart verstreichen. Am Anfang sieht es noch so aus, als könnte es gelingen: Der Vorspann zu „Tim und Struppi“ ist eine Wucht. Figuren und Schriftzüge tanzen miteinander, Spielberg spielt mit Logos und Konterfeis. Diese drei, vier Minuten haben jenen naiven Charme, der den folgenden anderthalb Stunden fehlt.

Wie eine Verneigung vor der Technik

Spielberg filmte im Motion-Capture-Verfahren, und dadurch wirkt das Ergebnis eher wie ein Statussymbol fürs digitale Hollywood als eine Reminiszenz an frühe Vorlieben. Für diese Technik agieren Schauspieler in speziellen Anzügen auf einer Bühne, die von bis zu 100 Kameras beobachtet wird. Die Bilder werden am Computer zusammengeführt und in dreidimensionale Räume umgerechnet. Kulissen fügt man nachträglich hinzu, ebenso Kostüme.

Was man sieht, ist weder Zeichentrick noch Spielfilm, sondern ein Hybrid, ein hektisches und knallig eingefärbtes Action-Spektakel in 3D. Auf Hergés Zeichnungen von Marokko in „Die Krabbe mit den goldenen Scheren“ etwa kann man verweilen, man lässt den Blick gerne darauf ruhen. Dieser Film indes scheucht den Zuschauer von Szene zu Szene, von einer der 1240 Einstellungen zur nächsten.

Spielberg konnte einmal Magisches erschaffen

Jamie Bell aus „Billy Elliot“ spielt Tim; Andy Serkis, den man aus „Herr der Ringe“ und „Planet der Affen“ kennt, ist Haddock; James-Bond-Darsteller Daniel Craig gibt den Bösewicht Sakharin. Keinen von ihnen erkennt man unter den digitalen Masken, und das ist charakteristisch: Der Produktion fehlt die Seele, das Menschliche.

Spielberg konnte sich die ursprüngliche Lust an Abenteuer und Phantastik lange bewahren. Das spürt, wer noch einmal „E. T.“ sieht: Aus den Bildern spricht eine universelle Sehnsucht, es liegt ewig gültige Nostalgie darin. Spielberg genügten Andeutungen: niedergedrücktes Gras, unheimliche Lichter, und schon war man in der Stimmung, in die er uns zu bringen wünschte.

Gut gemeint, schlecht umgesetzt

Irgendwann scheint er das Talent verloren zu haben. Womöglich engagierte er deshalb als Produzent Peter Jackson, den Regisseur von „Herr der Ringe“. Auch der ist ein Weltenschöpfer, und gemeinsam würde man die Story um Freundschaft und den Kampf gegen das Böse schon erzählen können.

Tim kauft auf dem Flohmarkt also ein Modellschiff, darin ist eine Schatzkarte, und er macht sich auf die Suche. Aber immer wenn es schön werden könnte, ersäuft die Handlung in Action. Schiffe rollen übereinander, Hafenkräne kämpfen miteinander, und man meint, das alles schon so ähnlich in „Piraten der Karibik“ gesehen zu haben. Spielberg mag es gut gemeint haben. Aber er hat den Geschichten ihren Zauber genommen. Das darf kein Erwachsener.

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Quelle: RP