"Der große Crash - Margin Call"

Der Film zur Finanzkrise

"Der große Crash - Margin Call": Der Film zur Finanzkrise "Der große Crash - Margin Call": Der Film zur Finanzkrise Foto: Kodi Media
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Der glänzend besetzte US-Thriller "Der große Crash - Margin Call" spürt den Gründen für die Ur-Katastrophe des 21. Jahrhunderts nach. Regie-Debütant JC Chandor inszenierte das Kammerspiel aus den Konferenzräumen einer Investmentbank mit Jeremy Irons und Kevin Spacey. Es ist der Film zur Zeit.

Mitunter wartet man nach historischen Ereignissen lange auf ein Kunstwerk, das die komplexen Zusammenhänge ins Bild setzt. Auf Romane und Filme also, die vermitteln, wie Menschen gehandelt und gelitten haben, kurz: wie gelebt wurde, als die Welt sich drehte.

Im Idealfall versteht man nach der Lektüre oder Ansicht, wie es damals zuging, was da los war. Der gelungene Film zum Weltereignis liefert Symbole: zum Vietnamkrieg etwa das Gesicht von Marlon Brando in "Apocalypse Now" (1979). Und zum Thema Überwachungsstaat DDR Ulrich Mühe in "Das Leben der Anderen" (2006) als Stasi-Mann mit Kopfhörer.

Nun gibt es wieder einen Film, der die Kraft hat, abstrakte Vorgänge zu erklären, die uns alle betreffen. Er heißt "Der große Crash" und handelt von der Ur-Katastrophe des 21. Jahrhunderts, der Finanzkrise von 2008. Drei Jahre nach dem Zusammenbruch von Lehman Brothers zeigt der amerikanische Regie-Debütant JC Chandor mit einem substantiellen und anspielungsreichen Kammerstück, wie jene Personen den Crash erlebten, die ihn ausgelöst haben.

Kein Gut-Böse-Schema

Er beobachtet Menschen, die hinter den Glasfassaden der Tradingtürme nach eigenen Gesetzen agieren wie Bienen in ihrem Staat: vom Jung-Broker mit "nur" 250.000 Dollar im Jahr bis zum Präsidenten der Bank, dessen eiskalte Effizienz verblüffenderweise nicht abstößt, sondern einleuchtet.

Das ist überhaupt die Stärke dieses mit Kevin Spacey, Paul Bettany und Stanley Tucci glänzend besetzten Films: Er verteufelt nicht und verzichtet auf das Gut-Böse-Schema. Er erzählt einfach, und zwar die Ereignisse einer Nacht und des darauffolgenden Morgens in einer Zeit, als das System noch nicht eingestürzt war, aber bereits Risse zeigte.

In einer namenlosen Investmentbank in New York werden Mitarbeiter entlassen, sie kommen zur Arbeit, aber sie können den Monitor ihres Computers nicht mehr einschalten, dann werden sie zum Chef gerufen, und wenige Minuten später stehen sie mit einem Karton im Arm vor der Tür.

Einer der Gefeuerten drückt einem "Überlebenden" einen USB-Stick in die Hand, darauf findet der Jungspund Daten von erheblicher Wucht: Die Computermodelle, mit denen das Haus sein Risikomanagement betreibt, sind falsch. Das heißt: Viele Papiere im Besitz der Bank haben keinen Wert. Würde ein Anleger sein Geld sehen wollen, müsste man zugeben: Tut uns leid, wir stehen kurz vor der Pleite.

"Sprechen Sie zu mir wie zu einem kleinen Kind"

Nun entfaltet sich, was den Film ausmacht: die Choreografie der Zuständigkeit, das Ballett der Hierarchie. Der kleine Analyst informiert seinen Abteilungsleiter, der seinen Chef und so fort – in der Nacht fliegt schließlich der Präsident der Bank per Helikopter ein: Es ist Jeremy Irons, und ihn umgibt eine blasierte Kaltschnäuzigkeit, die mit so viel Lust am Zuviel auf die Leinwand gebracht wird, dass der Brite dafür einen Darstellerpreis verdient hätte.

Er kommt von seinem Landsitz, er weiß auch nicht genau, was hier vor sich geht, er will handeln, für die Bank handeln, schnell handeln, dafür ist er da, nun muss er erst mal zuhören, das hat er nicht so gerne, und er sagt: "Sprechen Sie zu mir wie zu einem kleinen Kind oder zu einem Golden Retriever."

Jeder Charakter in diesem Thriller aus der Gegenwart hat seine eigene Sprache, und bemerkenswert sind die Dialoge: "Es tut uns leid." – "Aber ich muss doch noch mein Projekt beenden." – "Wir wissen Ihre Bemühungen zu schätzen. Aber ihr Telefon ist bereits abgeschaltet." – "Ich werde dagegen klagen." – "Das ist nicht der beste Weg, den Sie einschlagen können." Eine globalisierte und gehaltlose Höflichkeit ummantelt das Gemeinte, der Film ist ein bebildertes Hörspiel, es spürt den Gründen der Krise in der Sprache nach.

Ein Auge für die kleinen Gesten

Der Regisseur hat zuvor Werbefilme und Dokumentationen gedreht, und während der Berlinale, wo "Der große Crash" seine Premiere feierte, erfuhr man, dass er auch im Immobiliengeschäft tätig ist. Chandor hat ein Auge für die kleinen Gesten im Business. Diejenigen, die es erwischt hat, legen zwei Finger an die Nasenwurzel, die Mächtigen richten sich kurz ihre Krawatte.

"Es geht hier nicht um Moral", sagt Jeremy Irons mit beinharter Unbeeindruckbarkeit, er gibt seiner Figur etwas Echsenhaftes, und er weist seine Mitarbeiter an, die toxischen Papiere abzustoßen: weg mit Schaden. Sie sollen die Kunden beim Abverkauf über den wahren Wert der Aktien belügen, um das Kapital der Großanleger und so die Bank zu schützen.

Die Aktion darf nur wenige Stunden dauern, danach werden die meisten Mitarbeiter verbrannt sein und ihren Job verloren haben. Abfindungen sind garantiert. Widerstand ist nicht zu befürchten. Das erste Gebot lautet: Contenance bewahren.

"Es wird erst noch schlimmer, bevor es besser wird"

Man behält die Bilder, die auf diese Entscheidung folgen, in Erinnerung. Demi Moore etwa, die sich als Risiko-Analystin im schwarzen Kostüm, der Rüstung der Banker, auf die Fensterbank ihres Büros stellt und in die Häuserschluchten Manhattans sieht. Einst gehörte ihr die Welt, für ein paar Jahre am Rand der Atemlosigkeit.

Nun ist ihr die Welt verloren gegangen, und sie wird hinausmüssen in den Abgrund: raus aus dem Kabinett der polierten Konferenztische und blinkenden Zahlenkolonnen, hinein in Körperlichkeit und Schmutz. Für Wehmut bleibt indes keine Zeit: "Es wird erst noch schlimmer, bevor es besser wird", sagt jemand.

"Der große Crash" ist besser, härter und konsequenter als die Fortsetzung von "Wall Street" aus dem Jahr 2010, die dasselbe Ziel verfolgte und dabei scheiterte: zu zeigen, dass selbst die Beteiligten kaum das Drama überblicken können, in dem sie ihre Rollen spielen. Die Leinwand trennt normalerweise die Kunst von der Gegenwart. Hier ist sie durchlässig.

Dies ist der Film zur Zeit, man sollte ihn gesehen haben.

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Quelle: RP