"Die Schöne und das Biest" im Kino

Der Märchen-Klassiker in neuem Gewand

"Die Schöne und das Biest" im Kino: Der Märchen-Klassiker in neuem Gewand "Die Schöne und das Biest" im Kino: Der Märchen-Klassiker in neuem Gewand Foto: dpa, sab
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"Die Schöne und das Biest" sieht in der aktuellen Kinofassung überwältigend gut aus. Inhaltlich ist der Film jedoch nicht gelungen.

Jedes Bild in diesem Film schreit förmlich das Wort "Märchen". Ein schönes Mädchen namens Belle flaniert in einem prunkvollen Ballkleid durch die Hallen eines verzauberten Schlosses. Irgendwo in einer dunklen Ecke lauert ein grässliches Biest. Die junge Frau hat sich hier von der Kreatur auf Lebenszeit einsperren lassen, im Tausch gegen ihren geliebten Vater. Unter Tischen und Bänken wuseln großäugige Hündchen herum. Für die Handlung haben die fiependen Wesen keinerlei Bedeutung und für Belle schon gar nicht. Aber sie sind perfekt animiert und müssen einfach hergezeigt werden, wie so vieles hier. Virtuos nutzt der französische Regisseur Christophe Gans für "Die Schöne und das Biest" die modernsten CGI-Kniffe, begeistert huldigt er den technischen Errungenschaften des Fantasykinos. Aber auch die schönste Form wird langweilig, wenn der Inhalt fehlt.

Scheinbar endlos irrt Belle durch das Schloss, bis sich das Biest ihr erstmals in seiner ganzen Hässlichkeit zeigt. Etwas später tanzen die beiden allein in einem Ballsaal einen unterkühlten Walzer; wie es dazu kam, bleibt unklar. Plötzlich hat Belle Gefühle für das Biest. Auch das kommt unerwartet, bisher hat nichts darauf hingedeutet. Sie will ihre Familie besuchen. Das Biest knurrt, dass es sterben muss, sollte sie nicht zurückkehren. Weshalb? Unklar. Es ist, als wollte Gans ("Der Pakt der Wölfe") seinem Musical-geprüften Zielpublikum die abgegriffene Romanze zwischen Belle und der Bestie auf keinen Fall ein weiteres Mal zumuten. Er interessiert sich nur für die Neugestaltung des Rahmens.

Dabei wollte Gans alles richtig machen. Die ultimative Kino-Adaption des klassischen Märchens schaffen, das Gabrielle-Suzanne Barbot de Villeneuve 1740 schrieb. Gans sicherte sich ein für europäische Verhältnisse enormes Budget. Für die Rolle des Biests verpflichtete er den Exzentriker Vincent Cassel, der so wunderbar verwegene, düster glamouröse Charaktere spielen kann. Als Belle ließ sich Jungstar Léa Seydoux aus "Blau ist eine warme Farbe" gewinnen. Beim Drehbuchschreiben blieb Gans so nah wie möglich am Märchen. Das Biest formte er liebevoll nach Monstern wie dem Phantom der Oper, Christopher Lees Dracula, dem finsteren roten Teufel aus Ridley Scotts "Legende".

Trailer zu "Die Schöne und das Biest" Jetzt im Kino Trailer zu "Die Schöne und das Biest" Formal vermied Gans jedes Experiment: klassische Dramaturgie, solide Kamera, die Bilder schwer von Pathos und Schicksal. Technisch geht das Konzept auf. Der Film ist visuell überwältigend mit seinen brillanten Spezialeffekten, den schwelgerischen Kulissen und Kostümen. Doch an den verwunschenen Zauber von Gans' Vorbild, Jean Cocteaus Klassiker von 1946, reicht er nicht heran, und auch nicht an Disneys familienfreundliche, aber mitreißende Zeichentrickromanze von 1991.

Zeitlich spielt der Film auf zwei Ebenen. Einst war das Biest ein arroganter Prinz, verlobt mit einer Waldnymphe (Yvonne Catterfeld). Dann tötete der Prinz auf der Jagd eine goldene Hirschkuh, die sich als seine verwandelte Verlobte entpuppte, und lud so den Biest-Fluch auf sich. Dreihundert Jahre später ist es an Belle, das haarige Ekelpaket mit ihrer Liebe zu erlösen. Doch der Romanze gönnt Gans nicht mal eine Handvoll Szenen, und für Chemie bleibt zwischen seinen Stars buchstäblich kein Platz. Cassels Charisma kann man unter der dicken Fellmaske und den Reißzähnen allenfalls erahnen. Seydoux, eingezwängt in ihre Kleider und die Pflicht, wie gemalt auszusehen, richtet mimisch nur wenig mehr aus.

Kunstvoll wabert der Dunst im verfallenden Gemäuer, leise rascheln getrocknete Rosenblätter um tanzende Füße, in Zeitlupe donnern die Hufe von Belles Pferd durch glitzernde Schneelandschaften. Aber über all dem Wandeln und Träumen und den pittoresken Ausstattungsorgien vergisst Gans das Herz und die Seele der Geschichte. Für einen großen Klassiker der Liebesliteratur ist hier erschreckend wenig Liebe zu spüren. Die ganze Kraft und Faszination des Märchens liegt in Belles Gabe, hinter eine abstoßende Fassade zu blicken und Schönes zu finden.

Der Film scheitert, weil er seine schönen Fassaden zelebriert und sonst nichts.

Quelle: RP