"Grace of Monaco" mit Nicole Kidman

Die wahre Diva bleibt Grace Kelly

"Grace of Monaco" mit Nicole Kidman: Die wahre Diva bleibt Grace Kelly "Grace of Monaco" mit Nicole Kidman: Die wahre Diva bleibt Grace Kelly Foto: AP
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Nicole Kidman kann in "Grace of Monaco" nicht an ihr Vorbild Grace Kelly heranreichen. Die Biografie über Alfred Hitchcocks Muse eröffnete das 67. Festival von Cannes. Ein guter Film ist es deswegen noch nicht.

 Als das Leben im Palast für Grace Kelly fast unerträglich wird, sieht sie sich Aufnahme ihrer Hochzeit an - ihr Leben als Film. Sie hat getrunken, ihr Seelsorger sitzt bei ihr, und sie weint ein wenig, als die bezaubernde Braut in der taillierten Spitzenrobe vor den Altar tritt. Auf dem Bildschirm sieht sie noch einmal das Märchen, das sie selbst geglaubt hat, als sie die Schauspielkarriere in Hollywood aufgab, um Fürstin von Monaco zu werden.

"Stereo" mit Jürgen Vogel und Moritz Bleibtreu: Verwirrspiel um Gut und Böse "Stereo" mit Jürgen Vogel und Moritz Bleibtreu Verwirrspiel um Gut und Böse Zum Artikel » Sechs Jahre später ist die Romantik verflogen, das Königreich steht wirtschaftlich am Abgrund und Grace vor der Entscheidung ihres Lebens: Soll sie die Scheidung einreichen und mit Alfred Hitchcock den nächsten Film drehen oder endlich wirklich einwilligen in ihre Aufgaben als Fürstin von Monaco? Es ist die Wahl zwischen zwei Rollen. Grace entscheidet sich für die ihres Lebens.

Das Jahr 1962 im Fokus

In seinem Biopic "Grace of Monaco" blickt der französische Regisseur Olivier Dahan in das Jahr 1962. Monaco ist in der Krise. Der französische Staatspräsident Charles de Gaulle will, dass das Fürstentum künftig Steuern abführt und lässt seine Muskeln spielen. Das liefert Dahan den berechenbaren Spannungsbogen für seine Geschichte über eine Frau, die von der Hitchcock-Darstellerin zur Prinzessinnen-Darstellerin wird und sich selbst dabei abhanden zu kommen droht.

Immer wieder spielt Dahan mit Motiven, die das Künstliche beider Welten parallel setzt, die Fürstin muss Sprech- und Haltungsstunden nehmen, in Kostüme schlüpfen, offizielle Auftritte absolvieren. Sie blickt in Spiegel, filmt zum Spaß das Spielen ihrer Kinder, und wenn sie alte Aufnahmen von sich selbst ansieht, ist das historisches Filmmaterial. So überlagern sich die Zeiten und die Ebenen, das Leben ist Rollenspiel, nirgends scheint das so greifbar wie in der Palastwelt mit all ihren Benimmregeln und den kulissenhaften Interieurs aus vergangenen Zeiten.

Natürlich ist das ein Traumstoff für jeden Schauspieler. Doch Nicole Kidman ist vor allem die Last dieser Chance anzumerken, ihr Ringen darum, perfekt zu sein. Es ist wie im Labyrinth der Spiegel: Kidman spielt eine Schauspielerin, die Fürstin spielt, und dazu ist sie selbst ein Star, der versucht, einer großen Vorgängerin zu ähneln, sie womöglich zu übertreffen.

Diese Ebene steht nicht im Drehbuch und doch tritt in jeder Szene von "Grace of Monaco" Kidman gegen Kelly an, der lebende Star gegen den Hollywood-Mythos. Natürlich ist das ein unfairer Kampf, weil der Mythos verklärt ist, weil man die Kelly mit so viel Eleganz, Grazie und edler Schönheit in Erinnerung hat. Und so ist es kein Wunder, dass Kidman etwas verbissen gegen ihr Vorbild anspielt, als wolle sie in jeder Geste noch graziler, noch platinedler, noch zeitloser schön wirken als Grace. So verliert sie gerade das, was die Kelly vor der Kamera hatte: Leichtigkeit, eine Unbekümmertheit, die den Zuschauer vergessen lässt, dass er einer Schauspielerin zusieht - die große Kunst der wahren Diva.

Der Film kaschiert

Dazu ist Kidman selbst ein Star, über dessen reales Leben immer mal Details in die Öffentlichkeit bröckeln. Dann ist mit einiger Häme von den Botox-Behandlungen die Rede, die Kidman die Spuren des Alters aus dem Gesicht treiben. 46 Jahre ist sie alt, die Grace, die sie verkörpert, war damals 33. Doch der Film kaschiert die Differenz, tut alles, um Kidman makellos in Szene zu setzen. Die Kamera kreist um sie, wartet auf ihre Tränen, begleitet ängstlich jede Regung ihrer Miene. Und Kidman ist schön in diesem Film, sie kostet ihre Auftritte bei Hofe aus, sie erreicht die Perfektion, um die sie ringt. Doch das hat einen Preis: Es kostet jene Eigenwilligkeit, die Schauspiel erst interessant macht.

Dahan hat schon in seiner Piaf-Biografie "La vie en rose" ganz auf die Hauptdarstellerin gesetzt; und Marion Cotillard stürzte sich so verzweifelt in das Leben des Spatzen von Paris, dass sie dafür einen Oscar gewann. Kidman hat es mit Grace schwerer, denn es geht in diesem Film um das Haltungbewahren, darum, in Pflichten einzuwilligen, um die Kämpfe hinter der Fassade. Helen Mirren hat in ihrer Darstellung der britischen Queen vorgemacht, wie ergreifend auch das sein kann. Diese Tiefe und schauspielerische Weisheit hat Kidman nicht. Sie will zu sehr Prinzessin sein. Aber sie begeht niemals Verrat an ihrer Figur, übertreibt es nicht mit der Melodramatik, verliert Grace nicht an den Kitsch. Es geht in diesem Film immerhin um mehr als das Nacherzählen eines glamourösen Lebens: Es geht um das Märchen der Liebe - und darum, wie Verantwortung das Märchen wahrmachen kann.

Dieser Erzählung hat Dahan die Wirklichkeit untergeordnet, er folgt den Gesetzen der Dramaturgie, nicht der Historiker. Das erbost das monegassische Königshaus, weil die Grimaldis um die Deutungsmacht der Medien wissen. Die Fürstenfamilie kennt eine andere Wirklichkeit hinter dem Rollenspiel der Gracia Patricia von Monaco. Die Menschen jenseits der Palastmauern müssen sich mit ihren Fantasien begnügen. Und mit den Fantasien eines Filmemachers.

Quelle: RP