"Kir Royal" in Berlin-Mitte

Ab 2. Februar: "Zettl" mit Michael Bully Herbig

"Kir Royal" in Berlin-Mitte: Ab 2. Februar: "Zettl" mit Michael Bully Herbig "Kir Royal" in Berlin-Mitte: Ab 2. Februar: "Zettl" mit Michael Bully Herbig Foto: Warner Bros.
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Helmut Dietl führt die Handlung seiner legendären Fernsehserie aus den 80er Jahren fort. Der Nachfolger von Klatschreporter Baby Schimmerlos recherchiert in der feinen Gesellschaft der Bundeshauptstadt.

Helmut Dietl spielt mit Zeichentrickfiguren nach, was seit 1986 passiert ist. Damals wurde die Serie "Kir Royal" im Fernsehen ausgestrahlt, jener Bericht aus dem Leben eines Klatschreporters, der sich zu einer Erzählung über die gesellschaftliche Verfassung Deutschlands in den 80er Jahren weitete. Baby Schimmerlos (Franz Xaver Kroetz), der einst im weißen Porsche durch München fuhr und es auf rund 7000 Mark Spesen in zwei Wochen brachte, ist inzwischen gestorben.

Er war nach Berlin umgezogen, "weil dort die Musi spuit", und er raste auf seiner neuen Harley prompt gegen das Brandenburger Tor. Sein Fotograf Herbie (Dieter Hildebrandt) sitzt im Rollstuhl, nachdem er vor Monte Carlo von einer Yacht gefallen ist, und Babys Freundin Mona (Senta Berger) hat eine eigene Volksmusik-Sendung im Fernsehen. Die Trickmännchen werden wild über den Stadtplan von Berlin geschoben, das ist schnell, charmant und böse, nur leider geht es so nicht weiter.

Von "Schtonk!" bis "Rossini"

Helmut Dietl hat einen neuen Film gedreht. Das allein ist sensationell, denn der 67-Jährige erfand Figuren, die ins Gedächtnis der Nation eingegangen sind. Den von Helmut Fischer gespielten Monaco Franze aus der gleichnamigen Serie zum Beispiel. Wer sie sich heute noch einmal anschaut, wird gerührt sein. Man nehme die Episode, in der der Kriminalkommissar und Lebemann Franz Münchinger, genannt Monaco Franze, mit seiner hochmögenden Frau Annette von Soettingen in die Oper geht. Er mag eigentlich nicht, die Musik nicht und vor allem die Freunde der Gattin, aber er kommt halt mit.

Nach der Vorstellung diskutieren sie in einem Lokal über das Gesehene, und weil er im Foyer den Kritiker der "Süddeutschen Zeitung" bei der Durchgabe seiner Besprechung am Telefon belauschte, zitiert Münchinger aus dem Urteil des Fachmanns. Darüber gibt es Streit, die befreundeten Anwälte und Mediziner sehen alles ganz anders. Münchinger und Gattin verlassen aufgebracht das Restaurant, sie begegnen einem Zeitungsverkäufer, und das Blatt ist Münchingers Meinung: "Siehst des, Spatzl?"

Dietl machte "Schtonk!" (1992) und "Rossini" (1997), aber sein berühmtestes Werk ist sicher "Kir Royal". Jeder, der die sechs Episoden sah, erinnert sich an Mario Adorf als Heinrich Haffenloher, den Klebstoff-Fabrikanten aus Kleinweilersheim, der so gern in die Schickeria möchte und "die Sau rauslassen". Oder an das Werbebanner für eine TV-Produktion, das in Dietls München an der Fassade der Bavaria-Studios hängt. Die Aufschrift: "Düsseldorf – das deutsche Dallas. Geld, Sex, Macht. Mit Fanny Kessler als männermordender Milliarden-Erbin".

Heute ist man versucht zu sagen, so war es damals tatsächlich, man traut sich das, weil Dietls Figuren zwar ätzende Karikaturen waren und satirisch überhöht, aber doch auch herzlich wirkten und Seele hatten. In "Zettl" vermisst man Feinheit und Sympathie, die Geschichte ist bitter, sehr zynisch, und sie bedient sich mehr aus Klischees denn aus der Wahrheit.

Drehbuch mit Stuckrad-Barre geschrieben

Der Nachfolger von Baby Schimmerlos heißt Max Zettl (Michael "Bully" Herbig), war Chauffeur und wurde von einem Schweizer Verleger (Ulrich Tukur) als Chefredakteur für das Online-Magazin "The New Berliner" engagiert. Eigentlich soll es darin um Kultur und Gesellschaftsanalyse gehen, wie beim Vorbild, dem "New Yorker". Rasch merkt Zettl aber, dass Klatsch besser läuft. Also recherchiert er in den Untiefen der Berliner Society und findet heraus, dass der Bundeskanzler (Götz George) schon seit zwei Tagen tot und die Bürgermeisterin von Berlin (Dagmar Manzel) eigentlich ein Mann ist.

Es gibt in dem Drehbuch, das Dietl mit dem Journalisten Benjamin von Stuckrad-Barre schrieb, schöne Stellen und großartige Bonmots. Da steht Harald Schmidt als Ministerpräsident von Mecklenburg-Vorpommern am Fenster und blickt auf das Kanzleramt. Berater: "Werd du doch Kanzler!" Schmidt: "Ich weiß gar nicht, ob ich das kann." Berater: "Ist doch egal. Die anderen können es auch nicht. Und da ist es doch besser, du kannst es nicht."

Oder die Szene, in der Zettl seinem Verleger die Nummer der spanischen Schauspielerin Penelope Cruz besorgen soll. Zettl tut so, als habe er sie, nur eben nicht griffbereit, aber man merkt natürlich sofort, dass er sie nicht hat. Verleger: "Die wirklich großen Männer geben zu, wenn sie etwas nicht wissen." Zettl: "Ja, aber erst wenn sie groß sind." Das indes sind Höhepunkte.

Berlin liegt ihm nicht

"Kir Royal" spielte in München, das war Dietls Revier, der Hass auf die Dekadenz und die Lust daran waren gleich groß. Das "Rossini", das Lokal, das Dietls Film den Namen gab und nach dem Vorbild des "Romagna Antica" in München gezeichnet wurde, gestaltete der Filmemacher als barocken Kosmos. In Berlin lebte er zu Recherchezwecken drei Jahre.

In Interviews schimpft er heute auf die "provinzielle preußische Quadratmeile, die als Berlin-Mitte bekannt ist", und man wird den Eindruck nicht los, dass der Politikbetrieb dort Dietl gar nicht interessiert. Nicht der weiße Porsche ist hier das Statussymbol, sondern das Macbook Pro. Dietl dürfte es zu technokratisch zugehen, vielleicht ist es ihm auch zu proletarisch. Jedenfalls: Berlin liegt ihm nicht.

Dem Chargieren der prominenten Darsteller fehlen höherer Sinn und Charme, die Anbindung ans Echte. "Zettl" kann die Gegenwart nicht erhellen, "Kir Royal" gelang das noch. Also bleibt nur die Flucht: Mona lässt Baby Schimmerlos heimlich ausgraben und bringt ihn heim nach München.

Dort ruht er nun in Frieden.

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Quelle: RP