Meisterwerk "Boyhood" im Kino

Der berührendste Film des Jahres

Meisterwerk "Boyhood" im Kino: Der berührendste Film des Jahres Meisterwerk "Boyhood" im Kino: Der berührendste Film des Jahres Foto: dpa, mjh
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"Boyhood" von Richard Linklater erzählt die Geschichte einer Jugend in Texas. Die Produktionszeit betrug ganze zwölf Jahre.

Am Anfang dieses Films liegt ein sieben Jahre alter Junge im Gras. Er hat Ärger in der Schule, denn er drückte einen Stein in den Anspitzer der Lehrerin, weil er wissen wollte, ob man so Pfeilspitzen herstellen kann. Nun wartet er auf seine Mutter. Er hat die Hände unter den Kopf gelegt und schaut in die Wolken. Als die Mutter da ist, sagt er: "Wenn man Wasser in die Luft schleudert, werden daraus Wespen."

"Boyhood" heißt die Produktion des amerikanischen Regisseurs Richard Linklater, und sie ist erster Anwärter auf den Titel "schönster Film des Jahres". Das Besondere, das Originelle daran ist, dass er sichtbar macht, das schwer abzubilden ist: den Prozess der Zeit. "Boyhood" ist ein Spielfilm mit dem Wahrheitsgehalt einer Dokumentation. Linklater betrachtet eine Jugend unter dem Vergrößerungsglas, die Jahre zwischen dem siebten und achtzehnten Geburtstag, jene Zeit also, die wir nicht mehr los werden, die uns zu den Persönlichkeiten macht, die wir sind.

"Fantastic Beasts and Where to Find Them": Das heißersehnte "Harry Potter" Spin-off kommt 2016 in die Kinos "Fantastic Beasts and Where to Find Them" Das heißersehnte "Harry Potter" Spin-off kommt 2016 in die Kinos Zum Artikel » Linklater begann das Projekt vor zwölf Jahren. Damals besuchte er den sechs Jahre alten Kinderdarsteller Ellar Coltrane in Texas. Dessen Eltern, beide Künstler, waren einverstanden, dass ihr Sohn an dieser Langzeitstudie teilnimmt. Linklater wollte keinen Film drehen, bei dem drei Darsteller denselben Charakter in unterschiedlichen Phasen seines Lebens spielen. Er wollte nur einen Jungen, und der sollte nicht spielen, sondern sein: Kino und Leben sollten einander entsprechen. Linklater besuchte Ellar Coltrane jedes Jahr und blieb für jeweils zwei bis vier Tage; der letzte der 39 Drehtage ging im Oktober 2013 zu Ende.

Ausgedachte Geschichte

Der 53-jährige Regisseur brachte zu jedem Dreh Patricia Arquette und Ethan Hawke mit, die die Eltern spielen. Die Geschichte selbst ist ausgedacht, aber stark an den Erlebnissen von Linklaters Kindheit orientiert. Das Drehbuch wurde vor Ort entwickelt, teils unter Mitwirkung der Darsteller und mit Blick auf das, was den Beteiligten im abgelaufenen Jahr widerfahren ist. Ellar Coltrane heißt im Film Mason, er wächst mit der großen Schwester Samantha auf, deren Rolle wiederum Linklaters Tochter Lorelei übernahm.

Entstanden ist der endgültige Coming-Of-Age-Film. Der Zuschauer begleitet Mason von der Einschulung bis zum Umzug ins College. Masons Eltern trennen sich, die Mutter erzieht die Kinder, treibt ihr Psychologie-Studium voran, heiratet einen Alkoholiker, lässt sich scheiden und heiratet einen Irakkrieg-Veteran. Der Vater kommt an den Wochenenden zu Besuch und gibt auf Ausflügen den Kumpel mit Gitarre. Er heiratet eine brave Frau, hört auf, Songs zu schreiben, verkauft stattdessen Versicherungen, und am Ende verkauft er seinen Pontiac GTO und legt sich einen Minivan zu. Mason trinkt das erste Bier, findet eine Freundin, entdeckt das Fotografieren, bekommt ein Stipendium und hat Pickel.

Wer nun sagt, das klinge ja wenig dramatisch, liegt richtig. "Boyhood" bildet den Alltag ab, beleuchtet die Zwischenräume. Von John Lennon stammt der Satz, das Leben sei das, was passiere, während man Pläne schmiede. Linklater achtet darauf, nicht die sensationellen Momente einzufangen, sondern jene, in denen Wahrheit aufscheint. "Boyhood" funktioniert wie ein Prequel für die "Before Sunrise"-Trilogie, in der Linklater Julie Delpy und Ethan Hawke von 1995 bis 2013 begleitete.

"Boyhood" ist jedoch konsequenter, konzentrierter. Linklater zeigt, wie sich das Sprechen verändert, wie coole Väter plötzlich Sätze wie diesen sagen: "Mit Entschiedenheit kann man es weit bringen." Er zeigt, wie Trennungen und Abschiede die Persönlichkeit formen. Und er zeigt, wie Dinge zu Bestandteilen unserer Biografien werden: Gameboy, Wii, iPod, iPhone. Er entwirft die Enzyklopädie eines Jahrzehnts.

Im Zentrum stehen große Ereignisse

Linklater ist dezent und behutsam. Es gibt keine Zwischentitel, die anzeigen, dass ein Jahr vergangen ist; man muss es aus den Veränderungen in den Gesichtern lesen, aus den Songs, die beiläufig angespielt werden: von Coldplays "Yellow" bis "Get Lucky" von Daft Punk. Die Politik, der Präsidentenwechsel etwa, ist nur Hintergrundrauschen. Im Zentrum stehen die wirklich großen Ereignisse: Gegen Ende macht Masons erste Liebe mit ihm Schluss. Sie hat einen anderen; er möchte wissen warum, und sie greift ihm in die Brust, packt sein Herz und reißt es heraus: "Es ist schön mit einem, der nicht ständig deprimiert ist."

Man sitzt also im Kino und sieht den Schauspielern dabei zu, wie sie das Leben leben, das auch unseres ist. Wer Kinder hat, dürfte noch ergriffener von dem sein, was da gezeigt wird. Die Weite hinter den Stirnen der Jugendlichen, in die man nicht vordringen kann. Die Geschwindigkeit des Großwerdens. Das Verschwinden von Arglosigkeit und Unschuld, die Vergiftung durch Unsicherheit und Sehnsucht. Und: Die Unausweichlichkeit, mit der man sich als Erwachsener in Rollen fügt, die man eigentlich nie hatte annehmen wollen. Man beneidet die eigenen Kinder um das, was sie noch erleben dürfen, und man wird wehmütig, weil das bei einem selbst schon lange her ist und die Jugend perdu.

"Boyhood" handelt von nichts Geringerem als von der wiedergefundenen Zeit. Linklater kommt dem Leben auf die Schliche, er sieht ihm bei der Arbeit zu. Alles, was auf der Leinwand passiert, kennt man. Aber es ist, als erlebe man es zum ersten Mal.

Genau dafür gehen wir ins Kino.

Quelle: RP