Neuer Film "All Is Lost"

Robert Redford kämpft gegen den Untergang

Neuer Film "All Is Lost": Robert Redford kämpft gegen den Untergang Neuer Film "All Is Lost": Robert Redford kämpft gegen den Untergang Foto: dpa, Universum
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Der 77 Jahre alte Schauspieler bietet in dem nahezu wortlosen Ein-Personen-Drama "All Is Lost" eine oscarreife Leistung. Er spielt einen Mann, dessen Yacht im Indischen Ozean kentert. Nun muss er um sein Leben kämpfen.

In einer Szene sieht der Mann einen gewaltigen Sturm auf sein Boot zukommen. Der Mann geht unter Deck, rasiert sich und zieht orangefarbene Ölkleidung mit Kapuze an. Jede dieser Handlungen ist sinnlos, er weiß das. Doch er will einen Rest Würde bewahren, wenn er mitten auf dem Indischen Ozean am Steuer seiner stark beschädigten Yacht steht und von Wind und Regen gepeitscht wird, ein Minimum an Geborgenheit spüren, bevor er untergeht. Es ist seine Art, sich auf den Tod vorzubereiten.

"All Is Lost" heißt der packende Film des 40 Jahre alten amerikanischen Regisseurs JC Chandor, und er hat nur einen Darsteller: Robert Redford. Wie großartig diese 100 Minuten inszeniert sind, beweist die Tatsache, dass man am Ende vergisst, dass das jener Redford ist, der einst den großen Gatsby spielte und den Verführer in "Ein unmoralisches Angebot". Man sieht nur mehr einen Menschen, der in aussichtsloser Lage um sein Leben kämpft. Jeder könnte das sein, auch man selbst.

Die Figur ist namenlos

Dieser Mann wacht also eines Morgens auf, das Wasser steht hüfthoch in der Kabine, es schwappt durch ein Leck im Rumpf. Ein Container voller Turnschuhe hat das Boot gerammt, die Funkverbindung ist abgerissen, alle Geräte sind unbrauchbar, der Mann ist nun allein und ohne Ort. Diese Figur trägt keinen Namen, man weiß nichts über sie, und ob der Ring, den der Mann trägt, ein Ehering ist, kann man nur mutmaßen.

Zu Beginn des Films schreibt Redford einen Abschiedsbrief, in dem die Zeilen vorkommen, die der Produktion ihren Titel geben: Alles ist verloren. Der Brief wird vorgelesen, ansonsten fällt kein Wort, man hört ausschließlich das Lecken des Meeres am Boot, das Stöhnen und Ächzen des Mannes unter den Mühen des Überlebenskampfes. Er schreit und flucht nicht, er führt keine Selbstgespräche, das würde zu viel Kraft kosten.

Der 77 Jahre alte Redford dürfte unter den Nominierten sein, wenn am 16. Januar bekanntgegeben wird, welche Schauspieler auf den Oscar hoffen dürfen – es wäre sein erster Darsteller-Oscar. Redford drückt die Verfassung des Schiffbrüchigen über Bewegungen und Blicke aus, sein Radius wird immer kleiner, und allein daran, wie er sich die Hände an der Hose abwischt und über das Wasser sieht, das an den Himmel zu stoßen scheint, erkennt man die Traurigkeit dieses Mannes. Jedem Handgriff folgt man mit Ergriffenheit, dem Festzurren der Vorräte, dem Inventarisieren der wenigen Besitztümer, dem Überschlagen der maximal verbleibenden Lebenszeit. "All Is Lost" ist so etwas wie die realistische Variante des Weltraumdramas "Gravity" mit Sandra Bullock und George Clooney. Mit dem Unterschied, dass JC Chandor sich auf das Nötigste beschränkt. Es gibt bei ihm keine Gefährten, keine seelische Unterstützung, es gibt nicht einmal Philosophie oder Religion. Da sind nur der Mann und das Boot, und nach der Hälfte des Films sinkt das Boot.

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"All Is Lost" ist ein spartanisches Spektakel, eiskalt und brillant eingerichtet. Manchmal zeigt Chandor das Boot und später die Rettungsinsel, auf die der Mann sich flüchten muss, von unten. In den ersten dieser Einstellungen wirkt die Unterwasserwelt noch idyllisch und verlockend, aber allmählich kommen Haie und kreisen unter Robert Redford, das gleißende Licht verschwindet, die Dunkelheit verschluckt es.

Vor drei Jahren brachte JC Chandor seinen ersten Film ins Kino. "Margin Call" war ebenfalls bemerkenswert. Chandor erzählte darin von der Entstehung der Finanzkrise. Es wurde viel geredet, die Dialoge waren die eigentliche Action, der Film war ein einziges Rauschen, in dem der Zuschauer die Übersicht verlieren sollte. "All Is Lost" bietet nun das Gegenteil, rührt an Existenzielles: der alte Mann und das Meer. Es sei ihm wichtig gewesen, dass seine Hauptfigur nicht mehr jung sei, verriet Chandor in einem Interview. Er habe ein Bild für das Alter schaffen wollen, eine Parabel auf das Leben, für das letzte Aufbäumen gegen das Unausweichliche.

Redford hat keine Tränen mehr

Redford sitzt im letzten Drittel des Films in einer Rettungsinsel mit dünnem Plastikboden und hofft, dass die Strömung ihn in die Schiffahrtslinie treibt. Er sammelt Kondenswasser, seine Haut ist rot und aufgesprungen, weil die Sonne brennt, und weinen kann er nicht, weil er keine Tränen mehr hat. Die Natur sieht schön aus, aber sie ist so grausam, und sie gönnt dem Geschundenen keine Zeit zum Verschnaufen. Es sind unfassbare Szenen, wenn gigantische Tanker an Redford vorbeiziehen, nah und doch unerreichbar.

Dann kommt das Ende, und es ist so verblüffend, dass es in den USA für heftige Diskussionen gesorgt hat: Darf dieses Drama so ausgehen? Ist das ein guter Schluss? Passt er zum Realismus des Films? Wie auch immer man sich entscheidet, die Antwort sagt eine Menge darüber aus, wie man über das Leben denkt.

Quelle: RP