Neuer Film "Le Havre"

Kaurismäki lässt Wunder geschehen

Neuer Film "Le Havre": Kaurismäki lässt Wunder geschehen Neuer Film "Le Havre": Kaurismäki lässt Wunder geschehen Foto: dpa
Von |

"Le Havre", der neue Film des finnischen Regisseurs Aki Kaurismäki, erzählt ein Märchen aus der Gegenwart: Ein Schuhputzer nimmt einen afrikanischen Flüchtling auf. Dennoch ist das kein Sozialdrama. Die Kulissen leuchten rot und blau, und am Ende verlässt man heiter gestimmt das Kino.

Kaurismäkiland gehört zu den faszinierendsten Geographien des europäischen Autorenkinos. Man dachte bislang, dort sei es stets dunkel, die Trostlosigkeit ziehe die Farbe aus dem Filmmaterial, und die Feuchtigkeit drücke den Menschen aufs Gemüt – deshalb sind die Filme Aki Kaurismäkis häufig schwarz-weiß, deshalb wird darin wenig gesprochen. Aber die neue Arbeit des finnischen Regisseurs zeigt, wie weit sich die intellektuelle Landschaft Kaurismäkiland in den Süden der Gefühle dehnt: "Le Havre" spielt in einer Hafenstadt, wie man sie am unteren Rand des europäischen Kontinents finden kann. Die Sonne scheint, und die Kulissen wirken, als habe man sie eben erst rot und blau gestrichen. Die Figuren sind in Maßen gut aufgelegt, sie plappern geradezu, denn das hier ist ein Märchen.

Kaurismäki erzählt von dem Schuhputzer Marcel Marx und seiner Frau Arletty. Sie leben in einem Häuschen, das zwischen Bretterbuden steht, aus denen Nachbarn Obst und Konserven verkaufen. Alles mutet kulissenhaft an, als sollte Dickens verfilmt werden, nur ohne sozialen Realismus. Arletty wird sehr krank, der Arzt kann ihr nicht helfen, und die Frau bittet, ihr Gatte möge davon nichts erfahren: Er würde es nicht ertragen. Die Schauspieler-Clique, die in so vielen der 25 Filme mitwirkte, die Kaurismäki seit 1981 drehte, ist in großen Teilen abermals versammelt: Kati Outinen, Elina Salo – und auch Jean-Pierre Léaud ist dabei. Die einstige Muse Francois Truffauts hat einen Auftritt als Verräter, und Trenchcoat und aufgestellter Kragen genügen, um ihn als schlechten Charakter zu kennzeichnen.

Marcel Marx jedenfalls nimmt einen jungen Afrikaner bei sich auf, der reiste als blinder Passagier in einem Schiffscontainer aus der Heimat über das Meer, eigentlich wollte er weiter nach London, aber er hat kein Geld. Nun sammeln Marx und seine Freunde, das Netzwerk zwischen den Einwohnern von Kaurismäkiland ist fest geknüpft.

Kaurismäkis "Le Havre" ist ein rührender und altmodisch gemachter Film, und doch wird der Poet des Bodennebels neuerdings politisch. Der Aktualitätsbezug, das europäische Flüchtlingsdrama, holt die Kunst dieses Filmautors aus der nostalgischen Entrückung in die Gegenwart. Kaurismäki lebt seit einiger Zeit in Portugal, und in Interviews erklärt er bisweilen sein Unverständnis über das Leid der Menschen, die aus Afrika fliehen, in Europa stranden und in Lagern auf die Rückführung warten müssen.

An keiner Stelle ist Kaurismäki während der 90 Minuten kitschig, das ist nie Elendspoesie oder Arme-Leute-Rührseligkeit. Kaurismäki schreibt einfache Dialoge, seine Räume sind schlicht, und über den Bildern liegt eine stille Magie. Kaurismäkis Filme sind ein Label, ebenso wie die von Woody Allen, und der typische, mittlerweile dutzendfach variierte Schwebezustand zwischen Trauer und Komik, zwischen Melodram und Realismus wurde hier besonders feinnervig austariert. Kaurismäki arbeitet mit seinen traditionellen Tricks, er schickt die Figuren in den Souterrain des Schicksals, aber natürlich gibt es eine Wendung zum Guten. Wer mit dem Werk des Regisseurs nicht vertraut ist, mag sich über die schmunzelnde Willkür wundern, mit der hier die Kehre vollzogen wird: Die Fiktion setzt sich über alle medizinische Wahrscheinlichkeit und verwaltungsrechtliche Notwendigkeit hinweg, am Ende steht der Sieg einer naiven Humanität. "Le Havre" ist ein Werk der Liebe, und mehr noch als es die Handelnden untereinander sind, ist der Regisseur seinen Figuren in Zuneigung verbunden. Er erlöst sie, gönnt ihnen ewigen Advent.

Das europäische Autorenkino kennt derzeit zwei Extreme, den szenischen Minimalismus und die narrative Ökonomie Kaurismäkis und die schwelgerische Wucht und düstere Opulenz Lars von Triers. Beide Künstler haben mit ihren neuen Werken womöglich Ähnliches im Sinn, aber sie verfolgen ihr Ziel auf unterschiedlichen Wegen. Bei Kaurismäki geht der ästhetische Eigenwert der Bilder nie über ihre Bedeutung für die Geschichte hinaus; das gibt der Szenenfolge Dynamik. Bei von Trier kann in "Antichrist" und "Melancholia" fast jede Einstellung als Kunstwerk an sich betrachtet werden, man kann sie ausschneiden und an die Wand hängen. Entsprechend ist die Wirkung auf den Zuschauer: Das Erlebnis Lars von Trier lässt einen die Schwere der eigenen Existenz spüren. Der lakonische Eskapist Kaurismäki schafft es hingegen, dass man einen Film über Migranten in Containern und eine kranke Frau auf dem Sterbebett gesehen hat und das Kino dennoch in heiterer Stimmung verlässt.

Du bist bei Facebook? Dann werde hier Fan von TONIGHT.de und erfahre noch mehr über das Nachtleben in deiner Stadt!

Quelle: RP